Over when it´s over – Swedeman Xtreme Triathlon 2018

Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist, hat Bernd im Flugzeug gesagt, als wir vor langer Zeit mal den Flug nach Stockholm fast verpasst hätten. Daran habe ich die ganze Zeit gedacht und nur darum bin ich weiter geschwommen. Sonst hätte ich schon nach 50m aufhören wollen. Einfach ins Boot steigen. Hab ich dann aber nicht.

Aber der Reihe nach: Es ist der 11.08. 2018, 5:00h, irgendwo im Nirgendwo, 10 km außerhalb von Åre, Schweden. Bei knapp 18m/s Westwind startet der Swedeman Xtreme Triathlon mit einem Landstart. Ohne Warmschwimmen ins Wasser. Richtung Westen… Die Wellen sind einen knappen halben Meter hoch, ich kriege keinen Schwimm- geschweige denn Atemrhythmus hin, verzweifle fast. Aber nur fast, siehe oben. Es sind dann über 2 km, die ich nur durch eine sehr rustikale Brustschwimmtechnik überlebe, dann geht es tatsächlich. Am Ende der 3,8 km, am Ausstieg unter dem Tännforsen, Schwedens größtem Wasserfall, habe ich dann aber doch fast 2 Stunden gebraucht. Die erste halbe Stunde gegenüber dem Plan verbrannt…

Da kommt noch jemand…


Beweisfoto: Anderer See, ein paar Kilometer weiter. Der Wind ist aber derselbe…

Auf dem Rad geht es mir erst einmal gar nicht gut. Es ist kalt, nass, das Schwimmen sitzt mir noch in den Knochen. Erst langsam kommt der Spaß zurück, nämlich in dem Moment, als ich auf die Hauptstrecke Richtung Osten abbiege. Der Westwind, der mich eben noch fast ertränkt hätte, drückt jetzt mit Macht von hinten.  So kann es bleiben. Nur als es nach gut 60 km nach links ins kurvenreiche jämtländische Hinterland geht, wird es immer wieder brenzlig, wenn an Hochgeschwindigkeitsabfahrten das Vorderrad aus der Richtung geweht wird… Aber man kann sich dran gewöhnen.

Die Strecke ist abwechslungsreich, führt immer zwischen gewaltiger Urnatur und winzigen Dörfchen hin und her. Ein bisschen länger als gewohnt, 206 km mit 1.800 Hm. Geht eigentlich. Bin guter Dinge, bis km 120 im 30er Schnitt. Ja, wenn man dann nicht irgendwann zurück nach Åre müsste… Was wird Rückenwind auf dem Rückweg? Genau! Zum Abschluss 40 km exakt gegen den Wind auf der E14 an einem Samstag Nachmittag im August… Das mag ich niemandem empfehlen. Als am Ende der Schnitt auf 25 km/h zusammengedampft ist und ich entdecke, dass der letzte Kilometer in die Wechselzone 10% Steigung hat, geht der Spaß ziemlich schnell wieder gegen Null.

Gott sei Dank sorgt mein nimmermüdes Support-Team für dauerhafte Aufmunterung und jagt mich nach dem Umziehen und der Aufnahme der Pflichtausrüstung (Rucksack, Regenjacke, -hose, 2 Sätze warme Kleidung, Handschuhe, Mütze, Signalpfeife, Essen, Trinken) munter und gut gelaunt auf die Laufstrecke. Wenn es denn eine solche gewesen wäre…

Der Weg schlängelt sich erst durch den Wald, über Laufstege durchs Moor, den ersten Gipfel hinauf. Schon nach 7 km steht man auf 1.100m Höhe, oberhalb der Baumgrenze. Ich zweifle schon eine Weile heimlich irgendwo ganz hinten im Kopf daran, dass es mir gelingen wird, das Cut-Off bei km 31 zu halten, um 20:00h müsste ich da sein. Es war schon nach dem Wechsel eng, mittlerweile brauche ich über 10 min/km und bin um 17:30h erst bei 10 km, im Nichts, irgendwo zwischen Gipfel, Hochmoor und dem ersten Checkpoint. Aber was soll ich sagen, Bernd hat ja was dazu gesagt, damals, im Flugzeug nach Stockholm.

Weiter also, egal wie langsam.

Am Checkpoint in Fröå bei km 19 stößt Lukas dazu und begleitet mich. 50 Minuten bis zum Cut-Off, aussichtslos. Aber, das Motto steht! Zudem sind wir Ostwestfalen, also machen wir weiter. Mitten im Wald erreicht uns ein Anruf vom Support: Cut-Off verlängert um eine halbe Stunde. Na ganz toll. Hätten wir das früher gewusst… Egal. Ich reiße alles zusammen, was ich noch habe und beginne zu laufen. Schon lange war ich im (bestenfalls) Speed-Hiking-Schritt unterwegs. Der Kopf konnte einfach nicht mehr koordinieren, das Radfahren hatte mehr gekostet, als ich dachte.

Endlos war das Stück in der Erinnerung, hundertmal haben wir eine Siedlung im Wald gesehen, die dann doch keine war, hundertmal geflucht und wieder losgelaufen. Dann endlich kommt Marlene uns entgegen und begleitet uns den letzten Kilometer zum letzten Checkpoint. Das heißt, den für mich letzten Kilometer, denn hier ist eine halbe Stunde nach dem verlängerten Cut-Off, nach 16:00 Stunden und 214 km die Reise zu Ende. Unvollendet, aber zu Ende. Denn wie Bernd sagte, damals im Flugzeug nach Stockholm, es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Das heißt aber auch: Wenn es vorbei ist, ist es eben vorbei.

Mein erstes DNF im Rennen (außer Bergen 2010, wo ich gar nicht erst über die ersten Schwimm-Meter hinausgekommen bin) tut weh. Schon gerade, weil es so ein unnötig enges Cut-Off war, das mich ausgebremst hat. Noch viel mehr, weil dazu die Bedingungen so widrig waren. Und am allermeisten, weil die Information über die Verlängerung so viel zu spät kam.

Aber, was soll ich sagen. Wir haben Frieden geschlossen, der Swedeman und ich. Ich komme wieder.

Und dann, erst dann ist es vorbei, wenn es vorbei ist.

Daniel Flöttmann

a.k.a. Silverback